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Sinn einer Vaskulitis-Selbsthilfegruppe Autor: Wolfgang Kurz Niederschrift eines (nachträglich in einigen Passagen ergänzten) Vortrages anlässlich des Vaskulitis-Patienten-Tages am 20.10.2002 im Städt. Krankenhaus München-Bogenhausen: Meine sehr geehrten Damen und Herren, ich möchte die Gelegenheit nutzen, um Ihnen darzustellen, warum überhaupt eine Selbsthilfegruppe wie die unsere sinnvoll ist. Betrachten wir dazu einen Patienten, der (oft erst nach einer langen Untersuchungs- und Therapie-Odyssee von einem Mediziner zum nächsten) von dem behandelnden Arzt bezüglich seiner Beschwerden eines (schönen?) Tages die Diagnose mitgeteilt bekommt, er habe Vaskulitis. Der Patient wird vielleicht im ersten Moment sogar froh über diese Mitteilung sein, nämlich darüber, dass seine (oft bereits langwierigen) Beschwerden nach einem Marathon von (leider oft unergiebigen) Untersuchungen schließlich doch einen medizinisch anerkannten Namen gefunden haben. Mit dieser Namensgebung scheinen mehrere Vorteile verbunden zu sein: Was einen Namen hat, ist von der medizinischen Wissenschaft und damit von den Mitmenschen in der Gesellschaft anerkannt. Was bis eben für die Umwelt vielleicht noch irgendwelche obskuren Beschwerden waren, hinter denen sich wer weiß was verstecken konnte (böse ansteckende Krankheitserreger, vor denen man sich in Acht nehmen muss? „Bloße" psychisch eingebildete oder doch „bloß" psychisch motivierte Beschwerden, die einen den Mitmenschen irgendwie sonderbar erscheinen lassen? ...) wandelt sich nun um zu einer klaren, als persönlicher Schicksalsschlag allgemein anerkannten und von der Umwelt mit persönlichem Mitleiden zu begleitenden Krankheit, nämlich zu: Vaskulitis. Der Patient ist im Moment der Diagnose „Vaskulitis" vielleicht weiter auch durch den Gedanken etwas erleichtert, dass die medizinische Wissenschaft, wenn sie schon eine solche Erkrankung kennt, auch irgendein erprobtes Verfahren hat, auf diese Erkrankung zu reagieren. Doch spätestens jetzt wird sich im Patienten wieder etwas Unruhe breit machen. Denn soviel weiß er auch: Es gibt leichtere und schwerere Erkrankungen. Und der Unterschied kann im Leben entscheidend sein. Also geht es ihm darum, die nunmehr getroffene Diagnose „Vaskulitis" einzuordnen in eine Skala von „nicht schlimm" und „schlimm". Und da merkt er, dass er über diese Erkrankung überhaupt nichts weiß, ja, dass er dieses Wort bis vor wenigen Momenten noch gar nicht kannte. Er braucht also Informationen. Nun liegt der Gedanke nahe, dass der Patient doch sicher durch den ihn behandelnden Arzt über die diagnostizierte Erkrankung aufgeklärt wird. Dieser Teil der Aufklärung ist tatsächlich auch der Wichtigste und er ist unverzichtbar, weil nur hier, im individuellen Arzt-Patienten-Gespräch auf die ganz konkreten gesundheitlichen und persönlichen Probleme des Patienten in einer dem jeweiligen Patienten angepassten Weise umfassend eingegangen werden kann. Aber oft ist diese Aufklärung nicht ausreichend. Das hat mehrere Ursachen: Vaskulitis ist, anders als ein einfacher Beinbruch, aufgrund der Vielfalt möglicher Beschwerden, noch unzureichender Kenntnis über Ursache und Wirkungszusammenhänge der Erkrankung und in Anbetracht eines ganzen Fächers zur Verfügung stehender Therapieansätze ein schwer zu beschreibendes Krankheitsbild. Was meine ich damit? Zwei Patienten können, obwohl sie beide zunächst mit der Diagnose „Vaskulitis" konfrontiert werden, ganz unterschiedliche Beschwerden haben: Während der eine Patient im Extremfall mit einer einmaligen leichten Hautbeteiligung davonkommt, hat es der andere Patient im Extremfall mit sich ständig wiederholender, lebensbedrohlicher schwerer Herz- , Nieren – oder Lungenbeteiligung zu tun. Aber auch beim einzelnen Patienten, der zunächst nur an einem bestimmten Organ betroffen ist, ist der weitere Krankheitsverlauf, wie die Erfahrung zeigt, nur sehr begrenzt vorhersehbar. Die Medizin weiß trotz sehr erfreulicher und segensreicher Fortschritte bei der Behandlung der Vaskulitis auch heute einfach noch zu wenig über die Erkrankung, um dem Patienten kurze, einfache, ihn beruhigende und trotzdem richtige Antworten auf seine Sorgen nach seiner gesundheitlichen Gegenwart und Zukunft geben zu können. Dem Patienten insoweit einen zutreffenden, umfassenden Eindruck hinsichtlich seiner Erkrankung zu vermitteln, würde also, wenn überhaupt möglich, sehr viel Zeit erfordern. Für ein individuelles Arzt-Patienten-Gespräch steht aber nur begrenzt Zeit zur Verfügung. Denn der behandelnde Arzt hat ja nicht nur den einen Patienten. Er hat noch andere Patienten, und jeder von diesen erwartet natürlich zurecht, dass sich der Arzt mit seiner Heilkunst auch ihm angemessen widmet. Hinzu kommt, dass nicht jeder Arzt die Gabe hat, eine dem jeweiligen Patienten angemessene Sprache zu finden. Manch einer verwendet „Fachchinesisch" und der Patient traut sich häufig nicht (aus falscher Scham über seine eigene Unwissenheit oder aus falscher Rücksichtnahme auf die angespannte Zeitsituation des Arztes), nachzufragen. Die Situation wird noch dadurch erschwert, dass ein kranker Patient natürlich nur bedingt zur Aufnahme von Informationen in der Lage ist. Er hat mit seinen körperliche Beschwerden zu kämpfen (Schmerzen, Funktionsstörungen...), macht sich Sorgen über seine (persönliche, familiäre, soziale, berufliche ...) Situation und soll sich nun in diesem Zustand noch möglichst rational den richtigen Eindruck von dieser komplexen Erkrankung verschaffen. Das ist kaum möglich. Fassen wir an dieser Stelle zusammen: Wir haben eine Situation, bei der der Patient nicht ausreichend aufgeklärt ist, obwohl (wie er als informierter Patient später einmal wissen wird:) er eine chronische Krankheit hat, deren Beschwerden ihn ein Leben lang begleiten können und die sich auf sein gesamtes Lebensumfeld auswirken kann. Ich habe gerade gesagt, der Patient ist oft nicht ausreichend aufgeklärt. An dieser Stelle kann man sich natürlich schon noch einmal fragen: Worüber sollte er eigentlich aufgeklärt sein? Ausgangspunkt der Überlegung war, dass der Patient mit seiner Diagnose Vaskulitis diese Diagnose einordnen können will in seine Skala „nicht schlimm" oder „schlimm". Der Wert einer solchen Einordnung für den Patienten wird jedem ohne weiteres einleuchten. Vielleicht ist aus dem bisher Gesagten aber schon ein wenig klar geworden, dass die allgemeine Diagnose Vaskulitis, losgelöst von den konkreten Beschwerden des einzelnen Patienten, eine Positionierung auf dieser Skala nicht zulässt (vgl. einfache, „bloße" Hautbeteiligung im Gegensatz zum Nierenkollaps oder Herzinfarkt). Aber auch für den konkreten Patienten, um den es jetzt geht, mit seinen ganz konkreten aktuellen Beschwerden, ist eine Positionierung insbesondere wegen der nur sehr begrenzten Vorhersehbarkeit des weiteren Krankheitsverlaufs nur sehr schwer möglich. Sicher, man kann den aktuellen Zustand von ärztlicher Seite einschätzen und diese Einschätzung weitergeben. Aber aus der einfachen, „bloßen" Hautbeteiligung kann alsbald eine lebensbedrohliche Nierenbeteiligung werden, und schon verschiebt sich die Position des Zeigers auf der „Schlimm"-Skala ganz gewaltig. Jeder Patient, der eine solche Verschiebung des Zeigers bei der Stationsvisite im Krankenhaus schon miterlebt hat, weiß, wovon ich rede. Was will ich mit all dem sagen? Es geht darum, zu erkennen, dass bei der Diagnose Vaskulitis (jedenfalls in vielen Fällen) eine feste Positionierung des Zeigers auf der „Schlimm"-Skala nicht möglich ist. Wenn Sie das verstanden haben, ist schon der erste ganz wichtige Schritt geschafft. Denn Sie haben damit begriffen, dass die Positionierung des Zeigers immer nur eine (jeweils natürlich ganz wichtige) Moment-Aufnahme ist, die nur sehr begrenzt Auskunft gibt über das, was die Diagnose Vaskulitis für Ihr Leben insgesamt bedeutet oder zumindest bedeuten kann. Wenn eine Aufklärung des Patienten über die dauerhafte Schwere seiner Erkrankung damit nur eingeschränkt möglich ist, kann man sich fragen: Kann er vielleicht sinnvollerweise über etwas anderes aufgeklärt werden? Ich behaupte eindeutig ja: Der Patient sollte zu seinem Wohl aufgeklärt sein umfassend über alle mit der Krankheit zusammenhängende Aspekte, eben weil er so in seinem Leben mit dieser vielfältigen Erkrankung Vaskulitis am besten zurecht kommt. An dieser Stelle kann man passend folgende ganz grundsätzliche Frage einschieben: Wie komme ich dazu, zu befürworten, dass der Patient über seine Erkrankung, also über medizinische Zusammenhänge möglichst umfassend Bescheid wissen soll? Wenn ein Patient Beschwerden hat, kann er doch zu seinem Arzt, dem Fachmann für solche Probleme gehen, der sagt ihm, was für eine Erkrankung er hat und welche Medikamente er nehmen soll, die nimmt er und fertig. Den Rest entscheidet das Schicksal. Ich glaube, eine solche Einstellung wäre – jedenfalls für chronische Erkrankungen – ein falsches Verständnis vom Arzt-Patienten-Verhältnis und ich will Ihnen zeigen, warum. Dazu muss ich Sie davon überzeugen, welche Vorteile ein aufgeklärter, informierter Patient gegenüber einem uninformierten Patienten hat Zunächst kann der informierte Patient durch umfassende und richtige Angabe seiner Beschwerden die Diagnose erleichtern und beschleunigen und ermöglicht so den wichtigen frühzeitigen Beginn einer Therapie. Was meine ich damit? Zunächst ist es so, dass ein informierter Patient eher in der Lage ist, mögliche Anzeichen seiner Erkrankung (z.B. kleine rote Pünktchen an den Unterschenkeln) schon frühzeitig zu erkennen und diese Anzeichen auf ihre Bedeutung hin ärztlich abklären zu lassen. Neue Krankheitsaktivität kann somit schneller erkannt werden. Weiter kann ein informierter Patient durch seine genaueren Angaben beim Arzt die Diagnosefindung entscheidend befördern. Ich habe erst vor kurzem einen Vortrag gehört, bei dem ein rheumatologischer Oberarzt gesagt hat, dass die Angaben des Patienten zu seinen Beschwerden mindestens genauso viel zur Findung der richtigen Diagnose beitragen wie etwa Laborwerte, bildgebenden Verfahren etc. zusammen. Je besser man seine eigene Krankengeschichte somit verstanden und je genauer man sie dokumentiert hat, umso besser kann man bei neuen Beschwerden Angaben über die bisherige gesundheitliche Situation machen. Und Sie wissen alle, das ist das erste, was Sie der Arzt fragt: Was sind Ihre aktuellen Beschwerden, was haben Sie bisher schon für Beschwerden gehabt. Was haben Sie bisher dagegen gemacht, hat Ihnen das geholfen? Damit man aber diese Angaben wirklich zutreffend machen kann, ist zumindest ein Mindestmaß an Wissen um die eigenen Erkrankungen notwendig. Ein informierter Patient kann sich aber auch besser an Therapieentscheidungen beteiligen. Es gibt ja sicher viele Patienten, die meinen, die Therapieentscheidung fällt allein der Arzt. Davor möchte ich warnen. Zum einen gibt es auch bei den Ärzten wie in jedem anderen Beruf bessere und schlechtere Vertreter ihrer Zunft. Wobei ich an dieser Stelle auch einmal betonen will, dass es die Ärzte zugegebenermaßen auch nicht leicht haben: Aus allen möglichen Teildisziplinen der Medizin strömt glücklicherweise fortwährend eine Vielzahl von neuen Erkenntnissen auf sie ein. Hier einen Überblick zu halten, ist sicher äußerst schwer. Gerade bei einem Krankheitsbild wie der Vaskulitis, das sich erst langsam, aber immerhin zunehmend im Bewusstsein vieler Ärzte ausbreitet, ist es deshalb gar nicht so einfach, einen guten Arzt mit entsprechender Erfahrung auf diesem Gebiet zu finden. Aber selbst wenn dies gelungen ist, und Sie einen guten Arzt gefunden haben, sollten Sie sich bewusst sein, dass es auch bei guten Ärzten letztlich um Ihre Gesundheit geht und nicht um die Ihres Arztes. Wollen Sie bei dieser zentralen Entscheidung nicht in den Entscheidungsprozeß eingebunden sein? Oftmals gibt es nicht nur die eine mögliche Therapieentscheidung, die allein richtig ist. Vielmehr ist oft ein Abwägen zwischen Chancen und Risiken notwendig. Natürlich kann selbst ein gut informierter Laie die Therapie-Entscheidung nicht allein treffen, denn dazu fehlt ihm das gesamte medizinische Hintergrundwissen und die Erfahrung eines Arztes. Deshalb sollte er auch den unverzichtbaren Rat seines behandelnden Arztes schätzen und ausgehend von diesem Ratschlag in einem erörternden Gespräch mit dem Arzt zu einer von beiden Seiten vertretbaren Therapieentscheidung gelangen. Der Vorteil eines solchen Vorgehens ist auch, dass der Patient durch seine eigene Beteiligung an der Therapieentscheidung stärker motiviert ist, diese Therapie tatsächlich umzusetzen und nicht (vielleicht gar noch ohne Absprache mit dem Arzt) einfach abzubrechen. Ein weiterer wichtiger Vorteil für einen informierten Patienten ist, dass er über die möglichen Nebenwirkungen von den einzunehmenden Medikamenten aufgeklärt ist und er somit bei der Einnahme von Medikamenten zuverlässiger ist, was natürlich wieder seiner Gesundheit zugute kommt. Das meine ich in zwei Richtungen. Zum einen weiß ein informierter Patient, dass von den vielen möglichen Nebenwirkungen, die auf Beipackzetteln stehen, in aller Regel nur ganz wenige tatsächlich eintreten. Während uninformierte Patienten aus Angst vor diesen vielen möglichen, oft aber überaus seltenen Nebenwirkungen das Medikament dann fatalerweise gar nicht einnehmen, werden informierte Patienten hiervon in Kenntnis der überaus geringen Eintrittswahrscheinlichkeit nicht dermaßen abgeschreckt. Zum anderen ist ein aufgeklärter Patient aber auch über diejenigen Nebenwirkungen, die tatsächlich öfter auftreten und auf die man reagieren muss, informiert und kann so zu deren rechtzeitiger Vorbeugung oder zu deren Behandlung rechtzeitig entsprechende Maßnahmen einleiten (z.B. Gegenmaßnahmen zur Osteoporosevorbeugung bei Cortisoneinnahme). Insgesamt gelangt ein informierter Patient so leichter zu einer hohen Lebensqualität trotz seiner Erkrankung, weil er einerseits gesünder ist (das ist durch wissenschaftliche Studien belegt, würde einem aber wohl auch ohne diese Studien mit dem gesunden Menschenverstand einleuchten) und weil er andererseits durch seinen aktiven Umgang mit der Erkrankung auch sein Leben auf die ihm in seinen Auswirkungen eher geläufigen Beschwerden besser ausrichten kann, sei es im Beruf, Freizeit, Familie etc. Bei dieser Gelegenheit möchte ich nur ganz kurz auf den außerordentlich großen positiven Effekt der Psyche auf das gesamte Wohlbefinden hinweisen, der sich ergibt, wenn man angesichts seiner Erkrankung nicht völlig in dauerhafte Lähmung und Handlungslosigkeit verfällt, sondern sich (sicher nach einer ersten schwierigen Zeit der Ohnmacht angesichts der neuen Situation) mit seiner Erkrankung aktiv auseinandersetzt, ohne dass sie zum alleinigen Lebensinhalt werden sollte. Es bleibt also das Problem, der Patient sollte ausreichend informiert sein, ist aber oft nicht ausreichend informiert. Probleme sind da, um gelöst zu werden, und die Lösung für unser Problem heißt: Selbsthilfegruppe. Das letztliche Ziel der Selbsthilfegruppe ist es natürlich immer, dem Patienten zu helfen. Wie kann man ihm helfen? Zunächst einmal dadurch, dass man ihm hilft, auch dem Laien verständliche ärztliche Fachinformationen zu bekommen. Das kann geschehen durch ärztliche Vorträge, die kontinuierlich, wie bei unseren monatlichen Treffen oder an speziellen Informationstagen, wie dem heutigen, gehalten werden. Solche ärztlichen Vorträge kann man einerseits selbst organisieren und man kann andererseits auf anderweitig organisierte Vorträge hinweisen. Weiter kann eine Selbsthilfegruppe aber auch auf patientengerechte, ärztliche Sammelwerke zur Vaskulitis hinweisen (z.B. auf das Buch von „Frau Dr. Eva Reinhold-Keller: Vaskulitis Was sie ist, wie man sie erkennt, was man dagegen tun kann; ein Ratgeber für Patienten und Angehörige, ISBN: 3-7985-1054-7"; auf den 0rdner „Vaskulitis-Informationsmappe von der Deutschen Nierenstiftung"). Und die Selbsthilfegruppe kann schließlich sonstige patientengerechte Informationen zu der Erkrankung (und übrigens auch zu den ganzen damit zusammenhängenden sozialen und psychologischen Aspekten), auf die sie in Broschüren, Zeitschriften, Radio, Fernsehen, Internet etc. stößt, sammeln und verteilen oder zumindest darauf hinweisen. Dies war der Bereich, wie eine Selbsthilfegruppe Patienten helfen kann, an ärztliche Fachinformationen heranzukommen. Nun aber zu einem weiteren, mindestens ebenso wichtigen Bereich, wie eine Selbsthilfegruppe Patienten helfen kann: Es geht um den Erfahrungsaustausch unter Patienten. Die Patienten können sich in einer Selbsthilfegruppe oder durch die Kontaktherstellung über eine Selbsthilfegruppe mit Leidensgenossen austauschen über Ihre Beschwerden und Ihre Erfahrungen bezüglich Diagnose und Therapie. Dieser Erfahrungsaustausch kann insbesondere stattfinden in den monatlichen Gruppen-Treffen, in individuelleren persönlichen Treffen und durch Erfahrungsberichte in Zeitschriften- oder Internetbeiträgen. Die Vorteile eines solchen Austausches unter Patienten liegen darin, dass hier - mehr Zeit zur Besprechung der Probleme vorhanden ist, als der behandelnde Arzt seinem einzelnen Patienten schenken kann - die Patienten die „gleiche Sprache" sprechen. Damit meine ich, dass sie im Gespräch das Gefühl haben, dass der jeweils andere genau versteht, wovon der eine spricht. Es kann dann durchaus sein, dass die Patienten für die Beschreibung ihrer Beschwerden die medizinisch falschen Wörter verwenden. Aber ist das in diesem Zusammenhang nicht eher sekundär, wenn es erst dadurch gelingt, dass sich ein Patient erstmals richtig verstanden fühlt, weil er erstmals in ein richtiges Gespräch über seine Beschwerden mit jemand anderem gelangt. - ein „Wir-Gefühl" durch Leidensgenossenschaft entsteht, was bewirkt, dass man hier Probleme, die man einem Nichtbetroffenen nicht anvertrauen würde, sehr viel eher ausspricht und es im Idealfall gelingt, eine Vertrauensbasis zu schaffen, in der man unbefangen ohne Hemmungen Dinge anspricht, die einen schon lange beschäftigt und vor allem belastet haben, über die man sich aber noch mit niemandem zu sprechen getraut hat. - auch Raum ist für die Erörterung sozialer und psychischer Probleme. Das geht
- insgesamt also ein Ausbruch des Patienten aus seiner Isolation angestoßen werden kann. Fragt man sich, was eine Selbsthilfegruppe noch tun kann, um Patienten zu helfen, fällt einem gerade bei einer eher seltenen und komplizierten Krankheit wie der Vaskulitis vielleicht auch ein, dass es für viele Patienten oft ein großes Problem ist, gute Ärzte zu finden, die sich mit Vaskulitis auskennen. Dem Patienten bei dieser Suche nach einem guten Arzt in seiner Region zu helfen, ist deshalb sicher ebenfalls eine wichtige (zugegebenermaßen oft nur recht schwer erfüllbare) Aufgabe einer Selbsthilfegruppe, genauso wie der aktive Einsatz für ein Aufrechterhalten und weiteres Verbessern der Strukturen zur medizinischen Versorgung von Vaskulitis-Patienten. Denn auch wenn wir schon sehr gute Fortschritte in der Versorgung unserer Erkrankung gemacht haben, heißt das nicht, dass es nicht noch besser werden könnte oder dass es ohne entsprechendes Engagement von uns Patienten nicht auch wieder schlechter werden könnte. An dieser Stelle meines Vortrags, der – ich kann sie beruhigen – gleich zu Ende ist, möchte ich noch auf etwas hinweisen, was man gerne schnell übersieht (und auch ich habe das lange nicht so deutlich gesehen). Ich habe mich dem Problem immer aus dem Blickwinkel des Patienten genähert und gefragt: Was denkt der Patient, was für Probleme hat er, wie kann er mit seinen Problemen umgehen? Dabei habe ich einen anderen Blickwinkel ganz übersehen. Den Blickwinkel des behandelnden Arztes. Auch der Arzt ist ja kein Wesen, das in ständig gleicher Weise, losgelöst von irgendwelchen Emotionen, seinen Dienst am Patienten in immer gleicher Qualität und mit immer gleichem Engagement verrichtet. Nein. Er ist, wie der Patient, ein Mensch mit Nöten und Bedürfnissen, insbesondere auch mit dem Bedürfnis, in seiner Arbeit auch einen Teil der Erfüllung seines Lebenssinns zu sehen. Jeder von uns weiß, wie die Freude an einer Arbeit nicht nur unser Leben beglückt, sondern auch das Ergebnis dieser Arbeit entscheidend verbessert. Sollte dem Patienten, dies (altruistisch wie egoistisch) bedenkend, nicht auch daran gelegen sein, dass der Arzt möglichst viel Freude dabei verspürt, den Patienten bei der Linderung ihrer Beschwerden zu helfen. Beide, der Arzt und der Patient, könnten daraus Vorteile ziehen: Das Ergebnis der Arbeit (die ärztliche Heilkunst und damit die Linderung der Beschwerden) würde durch das größere Engagement positiv beeinflusst und es würde auch schon unabhängig vom Ergebnis der Arbeit die Arbeit als solche das Leben beider beglücken. Wie also schafft man es als Patient oder als Selbsthilfegruppe, einen Beitrag dazu zu leisten, dass Ärzte Spaß an ihrer Arbeit haben? Sicher einerseits, indem man die Leistung des Arztes anerkennt. Ein Lob ist eine Streicheleinheit für jede Seele. Aber andererseits auch, indem man sich für die Arbeit des Arztes interessiert, indem man versucht, zu verstehen, vor welchen Problemen der Arzt bei seiner Arbeit steht. Der Arzt wird sich regelmäßig über dieses Interesse freuen, denn er kann so – bei hinreichend offenbartem Verständnis des Patienten - auch Einblick geben in die sonst vom Patienten oft nicht verstandenen, aber durchaus vorhandenen Grenzen seines Handelns. Es ist ähnlich wie beim oben angesprochenen Erfahrungsaustausch unter Patienten: Patient und Arzt können auf einmal über das sprechen, was sonst nur unausgesprochen zwischen Ihnen steht und was die wechselseitige Beziehung und damit ihr jeweiliges Leben belastet. Ist dieses Gespräch erst einmal in Gang gekommen – diese Erfahrung habe ich jedenfalls machen dürfen – stellt sich eine ganz andere Qualität der Partnerschaft zwischen Arzt und Patient ein, die einen nicht nur persönlich bereichert, sondern die auch enorme Kräfte freisetzt, das gemeinsame Ziel einer möglichst optimalen medizinischen Versorgung von Patienten zu befördern. Treffen wir Patienten, ob allein oder als Selbsthilfegruppe, auf Ärzte, die diesen Gedanken eines engeren Zusammenwirkens von Arzt und Patienten bereits aus eigenem Antrieb gefasst haben und ihm sehr offen gegenüberstehen (wie dies nach meinen Erfahrungen glücklicher- und dankenswerterweise etwa hier am Krankenhaus München-Bogenhausen mit Herrn Dr. Mogk, und in der Rheuma-Klinik Bad Bramstedt mit Frau Dr. Reinhold-Keller der Fall ist, sicherlich gibt es ihn aber auch an sehr vielen weiteren Stellen), sollten wir alles tun, die uns gestreckte Hand anzunehmen und gemeinsam an einem Strang zu ziehen. Mit einem solchen Ansatz wird es uns auch am ehesten gelingen, neben den bereits engagiert tätigen Ärzten, die ja auch nicht jünger werden, junge, qualifizierte Nachwuchskräfte dafür zu gewinnen, sich in Ihrem weiteren Berufsleben für unser Krankheitsbild zu interessieren und sich hier zu engagieren. Noch sind aber nicht die Nachwuchskräfte an der Reihe, sondern die bewährten Kräfte und so möchte ich nun überleiten zum Vortrag von Herrn Dr. Mogk und damit zu dem, worauf Sie wegen meines Vortrages schon zu lange warten mussten, nämlich zu der Frage: „Vaskulitis: Was ist das eigenlich? Ursache, Beschwerden, Diagnose, Therapie ". Herr Dr. Mogk ist Oberarzt hier am städt. Krankenhaus München-Bogenhausen in der IV. Medizinischen Abteilung, die insbesondere auch für Rheumatologie zuständig ist. Innerhalb der Rheumatologie hat er sich unter anderem verstärkt dem Krankheitsbild der Vaskulitis gewidmet und verfügt in diesem Bereich auch über große praktische Erfahrung. Als Arzt, der eine Reihe von Vaskulitis-Patienten behandelt, war er Mitinitiator unserer Selbsthilfegruppe. Seit deren Gründung steht er der Gruppe als deren ständiger ärztlicher Berater zu Seite und hält bei unseren monatlichen Treffen Fachvorträge zu Teilaspekten der Vaskulitis. Auch bei der Organisation dieses Tages war er eine treibende Kraft, was nichts anderes heißt, als dass es diese Veranstaltung ohne ihn nicht gäbe. Deshalb schon an dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an Sie, Hr. Dr. Mogk, für all Ihre Mühe für uns Patienten. Und nun haben Sie das Wort.
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